Mittlerweile habe ich auch den praktischen Teil dieses Faches absolviert und entgegen der Behauptungen vieler Kommilitonen, war es kein bißchen langweilig oder theoretisch. Im Gegensatz zu denen hatte meine Gruppe jedoch auch gleich zwei Leichen zu begutachten, beide eines nicht natürlichen Todes gestorben, zweimal Suizid.
An dem Tag war es sehr heiß und so roch es schon auf dem Hof nach Tod. Anders kann man es einfach nicht beschreiben, es riecht merkwürdig und wie nichts, das ich jemals vorher gerochen hätte. Nicht so stechend eklig wie die in Formalin eingelegten Leichen aus der Anatomie oder der Patho, ich hätte es gar nicht zuordnen können, wenn meine Freundin es nicht auf den Punkt gebracht hätte – “Es stinkt halt nach Leiche!” Sie will später in die Rechtsmedizin und hat dort famuliert, jetzt auch den PJ-Platz sicher. Als sie mir während der Famulatur alles erzählte, fand ich es wirklich interessant und beeindruckend, dass man einen ganzen Tathergang nur aus der Form eines Messereinstichs und der Anordnung von ein paar Blutspritzern rekonstruieren kann.Jedenfalls gab es wie immer anfangs ein wenig Theorie bis wir das Krematorium betraten. Ein wenig verhalten gruppierten wir uns um die erste Leiche, eine Frau im mittleren Alter. Der Rechtsmediziner war sehr nett, ermunterte uns dichter ranzugehen und mit zu untersuchen. Außer meiner Freundin wollte allerdings keiner so recht und so drehte er die Leiche allein auf die Seite, damit wir die Totenflecken am Rücken analysieren können. Anders als gewöhnlich waren sie knallrot (normale Totenflecken – oder auf schlau: Livores - sind bläulich-dunkelrot), was eigentlich nur drei Ursachen haben kann: CO-Vergiftung, Zyanidvergiftung, starke Unterkühlung. Bei der Dame war das zweite der Fall, schon eine ungewöhnliche Art Suizid zu begehen, aber offensichtlich wirksam. An den Handgelenken waren viele unterschiedlich alte Schnittwunden zu sehen – also war es auch nicht der erste Versuch gewesen, sich das Leben zu nehmen. Zur Vorgeschichte wusste der Rechtmediziner leider nichts außer einer Depression, also auch nichts zum genauen Hintergrund der Tat. Vielleicht Absicht, damit sich man sich bei der Leichenschau nicht zu sehr auf eine passende Geschichte einschießt und etwas Wichtiges übersieht.Bei der zweiten Leiche war die Todesursache etwas offensichtlicher – bei dem älteren Mann war am Hals ganz deutlich eine dunkle, schmale Linie zu sehen. Er hatte sich mit einem Strick erhängt, auch hier erfuhren wir nichts über die Hintergründe. Was man aber an zahlreichen kleinen Einblutungen an Haut und Augen sah, war dass es sich dabei um atypisches Erhängen handelte, wie in den meisten Fällen. Das bedeutet, der Knoten war nicht im Nacken, sodass beim Zuziehen zwar der venöse Abstrom des Kopfes zum Erliegen kommt, es aber noch eine gewisse Restzufuhr über die Arterien gibt. Daher die Einblutungen (Petechien), es kommt zum Blutstau des Kopfes. Zum Tod führt nach einer gewissen Zeit beides.Ohne Frage ist es in diesem Semester das spannendste Fach, aber etwas mulmig wird einem schon. Man bekommt wohl einen guten Einblick zu was Menschen fähig sind, wie viel Leid es auch in der Nachbarschaft gibt. Ständig nur Ermordete, Suizidtote, Menschen, die zur falschen Zeit am falschen Ort waren. Und dann noch schlimmer: die Untersuchungen an misshandelten Kindern oder vergewaltigten Frauen. Es ist unheimlich wichtig und gut, dass es Leute gibt, die das machen – aber für mich ist das nichts. Witzig, denselben Satz höre ich oft, wenn ich nach meinem Berufwunsch gefragt werde. Jeder macht eben was er gut kann und was ihn glücklich macht, das ist die Hauptsache.

Die Rechtsmedizin ist der eigentliche Grund gewesen, dass ich begonnen habe, mich mit der Medizin zu beschäftigen, war also gewissermaßen der Aulöser dafür, dass ich mittlerweile Medizin studiere.
Mittlerweile habe ich ein Praktikum hinter mir und mir ist klar geworden, dass ich das nicht mein ganzes Leben machen wollen würde, weil ich das Gefühl hatte, dass bei Maximalauslastung die Routine zu groß wird und der Respekt vor den Toten ein wenig verloren geht. Zumindest war das mein Eindruck in diesem Praktikum, ich will gar nicht anzweifeln, dass es woanders auch anders geht.
Jedenfalls finde ich das Fach ebenfalls hochinteressant und faszinierend, weshalb für mich feststeht, dass ich auf jeden Fall eine Famulatur in der Rechtsmedizin machen werde!
Ich wünsch dir noch einen interessanten Block!
Also meine Freundin war von ihrer Famulatur hellauf begeistert, vor allem weil sie auch viel Anatomie/Patho gelernt hat und an den Leichen z.B. nähen üben durfte.
Das mit dem Respekt ist halt immer so eine Sache – es müsste nicht sein, dass die Leichen nochmal von einer Gruppe Studenten angestarrt und umgedreht werden, aber andererseits sollen wir was lernen – schließlich sollte jeder Notarzt bei einer Leiche sehen, ob was faul ist, eventuell sogar eine Einwirkung von außen stattfand, und dann die Polizei dazurufen.
Das ewige Dilemma der Anfänger…;-)
Bei uns ist das kein Block, nur ein ganztägiger Praktikumstag und eine Vorlesung. Hab momentan eh recht wenig Uni, was mir angesichts der Klausuren ganz gut passt.
Liebe Grüße
Das hört sich ja total interessant an. Aber so “live” bei einer Leiche sein, dafür bin ich zu weich. Gucke mir das lieber im Fernsehen an, da gabs doch mal so ne Dokuserie mit dem Mark Brennecke oder so ähnlich.
Ich persöhnlich finde es nicht respektlos wenn eine Gruppe Studenten eine Leiche anschaut oder sie nochmal gedreht wird oder so. Solange es dabei seriös abläuft und keine blöden Witze gemacht werden, und der Leiche ist es glaub ich auch egal, ich denke nicht das die noch was merkt. ( So hart das auch klingen mag)
Wow, ich finde das klingt ziemlich “krass”. Wobei ich auch anmerken mag, dass Schnittwunden am Handgelenk nicht gleich Suizidversuch bedeuten, sondern auch “ganz gewöhnliches” Selbstverletzendes Verhalten sein können
Aber das weißt du ja.
Nichtsdestotrotz klingt das wirklich interessant.. Ich selbst könnte das aber ganz bestimmt auch nicht. Hut ab vor denen, die das wirklich aushalten.
Ich hab dir übrigens bei mir geantwortet, Liebes
Hab dich sehr lieb <3
Danke Maus!^^ Man kann aber meist schon zwischen SVV (viele quere parallele oberflächliche Schnitte) und Probierschnitten (einzelne, tiefe, längsverlaufende Schnitte) unterscheiden. Bei der Frau waren es Suizidversuche, sonst hatte sie auch keine Narben am Körper. Aber es war schon heftig – ich würde mich halt immer nach dem Hintergrund fragen und wie es soweit kommen konnte. Ich wäre eben doch eine bessere Psychiaterin als Rechtsmedizinerin – ich mags nicht, wenn “das Kind schon im Brunnen liegt”!^^
Hab dich auch sehr lieb!<3
Hey Süße, danke für deinen Kommentar. Es wär wirklich wunderbar, wenn wir bald mal wieder teleofnieren! Am Wochenende hab ich auf jeden Fall Zeit.. dann muss Australien eben einmal warten ;D Wir reden eh viel zu viel :p
Wär wirklich schön. Du musst mir deine Festnetznummer auch nochmal schicken, dann kann ich dich ja auch mal anrufen :>
Und ja, lass uns das im August unbedingt festhalten. Würde mich soooooooo freuen wenn es klappt. Hab dich viel zu lang nicht gesehen
Hab dich sehr lieb <3
Hi Ava,
endlich auch mal wieder ein comment von mir. Zu einem Thema, das mich auch immer wieder bewegt. Allerdings wären nicht die pathologischen, sondern die sozial-menschlichen Ursachen für mich interessant. Es gibt ja Unmengen von [Unterhaltungs]literatur zu diesem Thema. Lesen ist für mich auch ok, aber eine “echte” Leichenschau würde ich garantiert nicht überstehen. Zwar bin ich niemand, der leicht ohnmächtig wird, aber so wie du das Ganze schilderst, wäre das doch nichts für meine zarte Seele. Während meines Zivildienstes in einem Alten- und Blindenheim habe ich mal einen “Suizidfall” miterlebt. Ein ca. 70jähriger Mann hatte sich das Leben genommen, nachdem er feststellen musste, dass er nach und nach “sein Gedächtnis verliert”. Er hatte vorher auch immer wieder Andeutungen in Richtung Freitod gemacht, die aber alle ignoriert wurden. Bis er seinen Worten dann Taten folgen ließ. Er war eher der stille und unscheinbare Typ, wahrscheinlich hat ihn deshalb niemand so richtig für ernst genommen…
Ich habe tagelang darüber nachdenken müssen, was diesen Mann letztendlich in so tiefe Verzweiflung stürzen ließ. Kann sein, dass es die Aussicht auf den “2. Stock” war. So nannte man inoffiziell die “Pflegefall-Abteilung”. Jeder der Heimbewohner hatte Angst, dort zu landen. Aber schließlich war es doch ein vorgezeichneter Weg. Man ist alt, kommt in ein “Altenheim” und weiß insgeheim, dass man in diesem Gebäude auch sterben wird.
Der 2.Stock war für alle Bewohner ein Ort der Verdammnis. Und die dort herrschenden Zustände lassen sich auch nur mit einem Wort beschreiben: katastrophal.
Um 17.00 gab es für die bettlägerigen Patienten Abendbrot und danach war dann “bed time” angesagt. Egal, wie dunkel oder wie hell es draußen war … und bei so einem extrem heißen Sommer wie jetzt gab es nur alle 2 oder 3 Stunden was zu trinken, meist aus der Schnabeltasse (außer es kam Besuch, aber die meisten Bewohner hatten kaum mehr lebende Verwandte oder Freunde) …
In manchen Gesichtern konnte man die Verzweiflung lesen, die Sehnsucht, endlich sterben zu können. Eine Hilflosigkeit, die ich zwar versucht habe zu milden, aber die mich dennoch scheitern ließ. Letztlich habe ich mich vollkommen unfähig gefühlt, wirkliche Hilfe leisten zu können.
Keine Ahnung, wie viel sich mittlerweile in der Altenpflege geändert hat, aber ich habe die Befürchtung, dass zumindest in diesem speziellen Fall die Bedingungen fast gleich geblieben sind …
Wahrscheinlich hat sich alles sogar noch verschlimmert – ich kann mir vorstellen, dass das von dir beschriebene Heim kein Einzelfall ist. Alle Bekannten, die jemals in einem Altenheim gearbeitet haben, sagen sie würden weder ihre Angehörigen dort unterbringen, noch möchten sie selbst dort landen. Und ganz ehrlich, ich kann besonders in der von dir beschriebenen Situation absolut verstehen, warum man nicht mehr leben möchte. So würde ich auch nicht leben wollen, allerdings habe ich eh das Gefühl, gar nicht erst so alt zu werden. Schlimm ist eigentlich nur, wenn man erstmal so hilflos ist, dass man nicht einmal mehr allein Suizid begehen kann.
Danke für deinen langen und bewegenden Kommentar, ich würde es eben auch nicht ertragen erst wenn “alles zu spät ist” zu Rate gezogen zu werden. Da ziehe ich die Psychiatrie doch deutlich vor, wo man wenigstens noch eine Chance hat, dem Patienten Alternativen aufzuzeigen.